„unfassbar, unglaublich, unmöglich, vollkommen verrückt“

BERLINER-MAUER c Berlin daily Foto: Hans Peter Stiebing

Am Abend des 9.11.1989 schauten wir wie viele andere auch, gespannt Fernsehen. Und glaubten zu träumen, oder den falschen Film zu verpassen.
Was lief denn da ab? Der Versprecher des Jahrzehnts, der ominöse Zettel des Jahrhunderts. Ob Schabowski je begriffen hat, was er zu diesem Zeitpunkt da angerichtet hat.

An sofortiges Aufstehen und mitlaufen haben wir nicht gedacht. Unsere 2 ½-jähriges Schätzchen ließ in unseren Augen so etwas nicht zu. Ich bin am Freitag (10.11.89) treu und brav meiner Arbeit nachgegangen. Zumindest mein Kollektiv war etwas dezimiert. Ich bekam einen Anruf vom anderen Teil der Stadt. Mein Kollege hat sich entschuldigt (was in meinen Augen vollkommen ok war) und begeistert seine Eindrücke ins Telefon geschrien.
Zuhause lief der Fernseher an diesem Abend ununterbrochen. Ich war irgendwie irritiert, weil einer meiner Brüder in der Rhön noch vor 5 Tagen als „Republikflüchtling“ über die grüne Grenze abgehauen war – und wir nun einfach so rüber konnten.

Unser familiärer Lebensmittelpunkt, unser wohlbehütetes Schätzchen, war von der um sich greifenden Unruhe natürlich genauso irritiert wie wir.
Dann die Planung für unsere erste Ausreise aus der DDR in die BRD. Denn als solches mussten wir es ja betrachten. Samstag standen wir, meine Tochter, meine Frau und ich, dann sehr zeitig an der Straßenbahn. Bepackt mit Kind, Kinderwagen und allem, was ein Kleinkind so braucht. Und mein lang gehüteter DM-Schatz, ein 20 DM-Schein. Aber auch und vor allem Neugier, Unglaube, Mut, Angst und Konfusion.
Wir fuhren in der vollgestopften Straßenbahn bis zur Bornholmer Straße und waren sofort mittendrin in der großen jubelnden Menschenmasse. Gedränge, Geschiebe, aber auch Rücksicht auf unseren (keinesfalls einzigen) Kinderwagen und langsame wellenartige Fortbewegung Richtung Grenze. Dann der eigentliche Grenzübertritt, Ausweiskontrolle, Stempel und wir standen jenseits der Mauer auf der Bornholmer Brücke.

Hier muss ich meinen Erinnerungen über diese Emotionen einen Extraraum geben. Wir standen im WESTEN. Ein No-Go, Unding. Etwas unfassbares, unglaubliches, unmögliches, vollkommen verrücktes war geschehen. Ich glaube, die Gänsehaut und die abstehenden Körperhaare waren stärker als das Gewicht der Klamotten am Körper. Ich bin ganz langsam gegangen, habe meine Tochter im Arm gehabt und ihr ständig erzählt, was gerade passiert. Ja, was passierte eigentlich?

Wir waren im Westen. Die Gefühle von damals kann ich nicht mehr so genau beschreiben, doch vergessen werde ich diese Brückenüberquerung nicht. Ich musste auch an Opa denken, der oft von früher erzählt hat, vom Rhein, Main, Taunus, der Wasserkuppe (ich bin ja gebürtiger Rhöner). Mir kamen Tränen – und Tausend anderen auch.
Dann brach ganz schnell der Wahnsinn „West-Berlin“ über uns herein. Von LKWs wurde Kaffee verteilt, hier wurde dieses gereicht, dort jenes. Und immer wieder Umarmungen mit fremden Menschen. Wir sind in einen Bus gestiegen und Richtung Müllerstraße gefahren. Dort ausgestiegen und erst einmal orientiert, denn West-Berlin lag für uns bis dato auf einem anderen Stern. Prag war näher dran. Ich bin trotz aller Gefühle gewohnheitsmäßig zum nächsten Zeitungskiosk und habe von meinem lange aufgehobenen 20 DM eine Zeitung gekauft. Dann hatte ich noch 16,80 DM, schluck was war das? Aber egal, wir wollten ja eh das Begrüßungsgeld abholen. 3x 100 DM, was für ein Schatz (dachten wir), umgerechnet fast 1.000 Mark der DDR.
Wir haben uns eine Umtauschstelle gesucht und angestellt. Wenigstens die Schlage war uns nicht fremd. In der Zwischenzeit bin ich mit meiner Tochter ein bisschen herumspaziert. Sie musste auf die Toilette und ich auch. Also in eine Kneipe und ein Alibigetränk bestellt. Ein Wasser, kann ja nicht so teuer sein, dachte ich. 2,80 DM – der nächste Schock. Aber egal. Draußen hat eine sehr freundliche ältere Dame meiner Tochter einen Nikolausstiefel voller Schokolade geschenkt. Wir haben uns sehr gefreut, aber auch gewundert. Nikolausschokolade Anfang November? Wieder etwas total Unerwartetes. Aber die freundliche Stimmung nahm kein Ende. Es war ein gegenseitiges, achtvolles Miteinander und eine ganz und gar aufgewühlte vielumfassende Stimmung. Mit unserem Begrüßungsgeld sind wir dann noch bis spät abends durch West-Berlin gelaufen, haben hier und da eine Kleinigkeit gekauft (vor allem für unsere Kleine), den 1. Döner gegessen, auf dem Ku`damm mit den Menschen angestoßen. Dann sind wir aufgewühlt aber auch glücklich wieder nach Hause. Damit war meine 1. Reise in die BRD zu Ende.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Flieger zurück nach Berlin von einem Urlaub auf Madeira und Lissabon. Wie sich doch vieles verändert und normalisiert hat. Trotzdem oder gerade weil es uns heute so geht, bin ich sehr dankbar, dass es friedlich zu diesen Veränderungen gekommen ist. Gerade in der heutigen Zeit sollte die friedliche Vereinigung von eigentlich unversöhnlichen Gegensätzen, ein Vorbild für die jetzige und nachfolgende Generationen sein. Vor allem Staaten, Gesellschaften oder Glaubensgemeinschaften, die sich gerade in scheinbar unlösbaren Konflikten befinden, können vom friedlichen Umbruch ohne Blutvergießen noch sehr viel lernen. Das was da vor 25 Jahren passiert ist, ist jetzt eigentlich aktueller als je zuvor.

Heiko, 52 Jahre, damals Berlin Ost

Die Erinnerungsgeschichten entstanden Rahmen einer Volunteeraktion, die die Berliner Initiative Service in the City zum 25. Jubiläum des Mauerfalls ins Leben gerufen hat.