#10/25 Sportlicher (Mauer-)Durchbruch

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Berlin, Straße des 17. Juni. Es später Nachmittag, in knapp einer Stunde beginnt das erste WM-Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft in Brasilien. Und da ist es wieder, das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer auf der Fanmeile. Berliner und Touristen warten gespannt auf den Anpfiff. Seit der FIFA WM 2006 ist es Tradition in Berlin, sich an diesem Ort zusammenzufinden, um die Spiele auf einer Großbildleinwand zu verfolgen. In der Menschenmenge steht Frank Neumann (45), Berliner seit Geburt. „Ostberliner“, fügt er hinzu. „Ick hab Jänsehaut“, sagt er, während er nervös an seinem Union-Schal, den er über seinem Deutschland-Trikot trägt, herumnestelt.

Schon 1989 wurde vor dem Brandenburger Tor gejubelt

Der 1. FC Union Berlin, das ist der Verein seines Herzens, solange er denken kann. Er ist Fußballfan durch und durch und jetzt in der Sommerpause der Bundesliga freut er sich auf die WM-Spiele, gerade hier am Brandenburger Tor. Doch eigentlich ist es nicht der Fußball, der ihn immer wieder an diesen Ort zieht, es ist ein ganz anderes Ereignis, das durch seine Gedanken spukt: die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. Ein Ereignis, an das er sich wie an den gestrigen Abend erinnert. „Da hab ick hier uff der Mauer jestanden“, sagt er und deutet auf das Brandenburger Tor. Eine Mauer ist dort nicht mehr zu sehen. Doch jeder kennt sie und jeder weiß, wo sie einst stand. Tausende Ost- und Westberliner überwanden sie in jener Nacht mit ungekannter Leichtigkeit. Menschen, die jahrzehntelang durch einen Todesstreifen voneinander getrennt waren, lagen sich plötzlich in den Armen und tanzten diesseits, jenseits und auf der Mauer. Schwarz-rot-goldene Fahnen wurden geschwenkt. So wie heute, „nur noch nicht so viele“, bemerkt Frank. Es ist dieser besondere Moment seines Lebens, den Frank seit der Einrichtung der Fanmeile in seinen Gedanken immer wieder erlebt und ihn berauscht – auf der Straße, die nach dem Volksaufstand in der DDR 1953 benannt ist und die für ihn in der ersten Hälfte seines Lebens unerreichbar war. Aber auch wegen der WM-Spiele sei er hier, betont Frank. Schließlich ist der Fußball seine große Leidenschaft. In seiner Kindheit verschlang er unzählige Bücher über die Geschichte dieses Sports. Er verfolgte jeden DDR-Oberliga- und jeden Bundesligaspieltag, man konnte ja in Ostberlin die Radiowellen beider Hemisphären empfangen. Und als Kenner der Fußballgeschichte ist er wegen der Fanmeile auch ein bisschen stolz auf sein Berlin. „Endlich wird Berlin ooch wieder mit Fußball in Verbindung jebracht!“

Sportliche Tristesse während der Mauerjahre

Jahrzehntelang war Berlin sprichwörtlich ein Mauerblümchen im deutschen Profisport, das nicht gerade durch positive Schlagzeilen auf sich aufmerksam machte: Man denke an den skandalösen Zwangsabstieg von Hertha BSC nach der ersten Bundesligasaison 1965, an Tasmania als schlechteste Bundesligamannschaft aller Zeiten 1966, an die sofortigen Abstiege nach den Aufstiegen in die Bundesliga für Tennis Borussia und Blau-Weiß 90 in den Siebziger und Achtziger Jahren und an die Abstürze in die Amateurklassigkeit für alle vier Vereine in Westberlin.

In Ostberlin sorgte zwar der aus Dresden nach Berlin versetzte BFC Dynamo für Erfolge – er wurde mit zehn Meistertiteln Rekordmeister der DDR, „aber der war wejen der Bevorzugung durch die SED hochgradig unbeliebt jewesen“, fügt Frank als Union-Fan selbstbewusst hinzu. Der 1. FC Union hingegen war ein Sammelbecken derer, die sich in das Parteidiktat nicht so recht einfügen wollten: Die Fans, so auch Frank, trugen oft lange Haare, auch als Zeichen der Unangepasstheit. Dass diese Botschaft auf der anderen Seite angekommen war, belegen die Stasi-Berichte, die man heute noch lesen kann. Als „subversiv“ und „staatsfeindlich“ werden dort die Union-Fans beschrieben. Dies war einer der Gründe, warum Union gegenüber dem BFC Dynamo stets benachteiligt wurde, erklärt Frank weiter. Der sportliche Erfolg hielt sich damit in Grenzen. Dabei war die Mannschaft von Union, die früher als SC Union Oberschöneweide antrat, einst eine große Hausnummer im deutschen Fußball, berichtet Frank. 1923 stand man im Finale der deutschen Fußballmeisterschaft gegen den Hamburger SV. 64.000 Fans fanden sich damals im Deutschen Stadion, dem Vorläufer des Olympiastadions ein und stellten damit den deutschen Zuschauerrekord auf.

Berlin war einst deutsche Fußball-Hauptstadt

Überhaupt sei Berlin einst das Mekka des deutschen Fußballs gewesen, weiß Frank zu erzählen: Alle deutschen Meisterschaften vor Gründung des DFB wurden von Berliner Mannschaften gewonnen, angefangen mit dem heute noch existierenden BFC Germania 1888, der sich als dienstältester Fußballclub Deutschlands bezeichnen darf. Dieser gab bald das Zepter an den BTuFC Viktoria 89 abgab, der mit sieben Meistertiteln zwischen 1893 und 1911 sozusagen das Bayern München der Jahrhundertwende war. Beide hatten übrigens ihre Anfänge auf dem Tempelhofer Feld, damals noch Exerzierplatz und Schäferweide mit viel Platz, um diese noch neue englische Sportart auszuprobieren. Die Zwanziger und Dreißiger Jahre waren die goldenen Jahre der Hertha, die unter dem Spielmacher Hanne Sobek, dem damals wohl besten deutschen Fußballspieler, von 1926 bis 1931 ununterbrochen im Meisterschaftsfinale stand, welches sie zweimal für sich entscheiden konnte. Ein ebenbürtiger Rivale war Tennis Borussia Berlin, ein Verein, der mit Otto Nerz und Sepp Herberger immerhin die beiden ersten hauptamtlichen Bundestrainer stellte.

1933 – 1989: Ein Spielball der Mächte

Der Bruch kam 1933. Die Umstellung in regionale Gauligen sei nicht gerade zum Vorteil für die Berliner Mannschaften gewesen, denn jetzt konnte nur noch eine Berliner Mannschaft an der Meisterschaftsendrunde teilnehmen, berichtet Frank. Und so schaffte es von da an keine Berliner Mannschaft mehr in das ab 1936 immer im Olympiastadion stattfindende Finale. Hinzu kam, dass die im Berliner Fußball zahlreich vertretenen jüdischen Sportler Spielverbot erhielten, viele Berliner Vereine, allen voran Tennis Borussia, wurden dadurch erheblich geschwächt. Auch nach dem Krieg wurde es nicht leichter für die Fußballer der jetzt in vier Besatzungszonen aufgeteilten Stadt. In der Westzone wurde bis 1948, länger als in der übrigen BRD, ein Vereinsverbot durch die Alliierten ausgesprochen, im Osten wurden die Vereine ganz aufgelöst und durch Betriebssportgemeinschaften oder Sportclubs ersetzt. Sich über die Zonengrenzen hinweg sportlich zu betätigen, wurde durch die Politik erschwert: Der Ostberliner SC Union Oberschöneweide hatte sich für die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft qualifiziert. Trainer war damals der frühere Hertha-Star Hanne Sobek, „een großet Idol für janz Berlin“ fügt Frank hinzu. Jedoch erhielten Hanne und sein Team keine Ausreisegenehmigung nach Westdeutschland zum Spiel gegen den HSV. So kam es zur Spaltung: Im Westen gründete sich der SC Union 06 neu, im Osten entstand nach mehreren Umbenennungen schließlich der 1. FC Union Berlin. Die Trennung tat aber den neuen Mannschaften nicht gut, beide wurden sportlich erstmal zurückgeworfen, der SC Union 06 verschwand gar in der Bedeutungslosigkeit. Mit dem Mauerbau 1961 wurde jeglicher sportlicher Austausch zwischen Ost und West jäh gestoppt.

Die befreiende Wirkung des Mauerfalls

So sei der Mauerfall auf beiden Seiten ein befreiender Moment gewesen, stellt Frank fest. Man profitierte vom neuerlichen Austausch und durch die günstigere politische wie wirtschaftliche Lage vom Neubau von Sportstätten, bestehende konnten gemeinsam genutzt werden. Der Versuch, Union (Ost) und Union (West) wiederzuvereinigen, scheiterte jedoch. „Dit war det einzije, wat bei der Wiedervereinijung nich jeklappt hat“, bemerkt Frank mit einem Lächeln. Er genießt das neue grenzenlose Berlin und hat gut lachen, schließlich konnte der FC Union nach der Wende aus dem Schatten des BFC Dynamo heraustreten und hat nun seine Position als zweiter großer Fußballclub in Berlin hinter der „alten Dame“ Hertha BSC gefestigt. Beide Teams profitierten dabei von der Neugestaltung ihrer Spielstätten, 2004 wurde das Olympiastadion – nächstes Jahr würdiger Gastgeber des UEFA Champions-League-Finales – anlässlich der WM 2006 umgebaut und von der FIFA mit dem 5-Sterne-Status geadelt, Union hingegen verwandelte ab 2008 das Stadion „An der Alten Försterei“ vor allem durch die Hilfe der eigenen Fans mit 140.000 freiwillig geleisteten Arbeitsstunden in ein wahres Schmuckkästchen, auch Frank hat selbst Hand angelegt. „Det war Ehrensache“, bemerkt er. Auch dort wird heute das Deutschland-Spiel im sogenannten WM-Wohnzimmer übertragen: In einer einmaligen Aktion durften knapp 800 Berliner, die sich für einen „Wohnberechtigungsschein“ beworben hatten, ihre Sofas kostenlos auf den Stadionrasen stellen und können nun mit ihren Sofanebensitzern und 10.000 weiteren Mitbewohnern auf den Tribünen die Fußballübertragungen genießen. Dort wird Frank das nächste Deutschland-Spiel anschauen. Aber heute wollte er eben die Berliner Mauer in Gedanken noch einmal überklettern. So wie 1989. Und sich mit vielen anderen Ost- und Westberlinern über Deutschland freuen. Jetzt kommt Jubel auf der Fanmeile auf: Die Mannschaften laufen ein, Frank entschuldigt sich. Er hat nun lange über die Geschichte des Berliner Fußballs erzählt, aber jetzt will er sich „der Gegenwart des Fußballs widmen“. Aber das wollen wir natürlich auch. Wir drücken gemeinsam die Daumen und schwenken die schwarz-rot-goldenen Fahnen.

Martin Gentischer