#25/25 Impressionen von der Lichtgrenze

Lichtgrenze am Schwedter Steg (c) visitBerlin Foto: Dirk Mathesius

Am Eingang zum Waldeckpark an der Alexandrinenstraße stehen zwei junge Frauen, 20 Jahre alt vielleicht, spielen auf Gitarren und singen. Ihre Gesichter sind im Halbdunkel kaum zu erkennen. In die sanfte, scheinbar nie endende Melodie flechten sie Worte wie „peace“ und „harmony“. Direkt hinter ihnen verläuft die Kette aus erleuchteten Ballons, die in über drei Metern Höhe auf dünnen biegsamen Stangen befestigt sind. Die Ballons schwanken sanft im Wind, so, als bewegten sie sich zu den Klängen der Musikerinnen.

Dem Verlauf der Ballons folgen wandernde Menschen. Sie gehen bedächtig und sprechen leise, so als wolle niemand die Musik übertönen. Es ist eine magische Stimmung an diesem Ort, eine Magie, die an diesem Wochenende überall in Berlin zu spüren ist.

Die Stadt feiert das 25. Jubiläum des Mauerfalls. Die Ballons, 8.000 insgesamt, markieren den Verlauf der früheren innerstädtischen Mauer. Schwebende helle Ballons anstelle einer schweren, düsteren Vergangenheit.

Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin, ist einer von vielen, die beeindruckt sind von der 15 Kilometer langen Installation: „Mit der fabelhaften Idee der Lichtgrenze hat Berlin die Herzen der Menschen erreicht. Es herrscht eine Stimmung großer Leichtigkeit und Solidarität. Die Menschen halten inne und blicken zurück.“

Das kann jeder erleben, der einfach irgendwo am Verlauf der Lichtgrenze stehenbleibt und den Menschen zuhört. Dann schnappt er Gesprächsfetzen auf, immer wieder die Worte „damals“, „früher“; er sieht Familien zu, wie sie gemeinsam gehen und über jene Zeit sprechen, als die Mauer noch stand. Berliner und Touristen kommen ins Gespräch, Freunde und Kollegen auch. Die 8.000 Ballons erreichen etwas Außergewöhnliches: sie geben Orientierung für Wanderungen und Gesprächsverläufe zugleich.

Deutlich über eine Million Besucher sind in die Hauptstadt gekommen, um an diesem besonderen Wochenende dabei zu sein. Der Bahnstreik kann sie nicht aufhalten, die Hotels berichten von überschaubaren Stornierungen.

Am Abend des 9. November wird es dann doch laut. Vor dem Brandenburger Tor, aus dem sich Laserlichter imposant in den Himmel bohren, drängen sich die Menschen, hören der Musik von der Bühne zu. Udo Lindenberg singt, der DJ Paul Kalkbrenner legt auf und bringt die Menschenmasse in Bewegung. Schon lange vor Beginn des Konzerts hatte die Polizei die Zugänge gesperrt, der Andrang war zu groß. So stehen die Menschen die ganze Ebertstraße hinab dicht an dicht. Die Kette aus Ballons, den stillen Stars des Abends, schwankt sanft in ihrer Mitte. Der Potsdamer Platz ist ebenfalls restlos gefüllt mit Menschen, jener Platz also, der vor 25 Jahren wie eine Wüste war und jetzt ein urbanes Zentrum des neuen Berlin ist.

Dann Gänsehaut auf 15 Kilometern: Ein Ballon nach dem anderen wird von seinem Ständer gelöst und erhebt sich in die Luft. Ihnen folgen Blicke, Gedanken, Wünsche. Das funktioniert nicht perfekt, mancher Ballon bleibt hängen, löst sich nur widerwillig aus der Verankerung, aber Perfektion erwartet auch niemand. Die Lichtgrenze löst sich auf und verschwindet im Himmel. Eine Mauer, die noch lange in den Köpfen der Menschen weiterleben wird. Und diese Mauer soll das auch.

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