#22/25 Ein Missverständnis und seine unglaublichen Folgen

Pressekonferenz mit Günther Schabowski am 09.11.1989 (c) Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030, Thomas Lehmann, CC-BY-SA

Als die SED-Führung am frühen Abend des 9. November 1989 eine Pressekonferenz einberief, ahnte niemand, dass nur vier Stunden später Menschenmassen die Grenzübergänge in Richtung Westberlin überrollen würden. Und wäre Pressesprecher Günter Schabowski besser vorbereitet gewesen und durch insistierende Reporternachfragen nicht ins Schlingern geraten, wäre die Nacht vor 25 Jahren wohlmöglich anders verlaufen. Im Zentrum der Ereignisse stand Peter Brinkmann, damaliger DDR-Korrespondent der BILD-Zeitung und einer der Fragesteller:

Die Frage, die die Berliner Mauer umstieß

Es war ein nasskalter, trüber Herbsttag, als der West-Berliner Journalist Peter Brinkmann am 9. November 1989 gegen Mittag die Berliner Mauer an der Heinrich-Heine-Straße passierte und sich auf den Weg ins Pressezentrum in der Mohrenstraße machte. Seit dem Vortag war das Zentralkomitee der Staatspartei SED zu dreitägigen Beratungen zusammengetroffen, für den frühen Abend war eine Pressekonferenz einberufen worden. Das waren Zeichen einer neuen Offenheit der DDR-Führung nach unruhigen Wochen. „Ich bin da rüber gefahren mit dem Gefühl, dass irgendwas im Busch ist, und da wollte ich dabei sein“, erinnert sich der heute 69-Jährige. „Aber was dann am Abend passierte, damit rechnete niemand.“

Von seinem Freund Jörg Rommerskirchen, damals Staatssekretär im Berliner Wirtschaftssenat wusste er, dass sich der Westen der Stadt auf eine eventuelle Reisewelle von DDR-Bürgern im Dezember vorbereitete – im Rahmen von Reiseerleichterungen, die die DDR-Führung angekündigt hatte. „Aber da ging es nie um die Mauer, es hieß immer nur, die Grenzöffnung würde erweitert“, erzählt Brinkmann.

Während im Pressezentrum Journalisten aus der DDR, der BRD und aus anderen Ländern diskutierten und mutmaßten, beschloss die DDR-Führung bei ihrer Sitzung tatsächlich Reiseerleichterungen für die DDR-Bürger. Nicht nur die ständige Ausreise sollte erleichtert werden, sondern auch Besuchsreisen. Gelten sollte die neue Verordnung in der Tat „ab sofort“ – gemeint war damit aber nach Ende der Sperrfrist am 10. November um 4 Uhr früh. Für diesen Zeitpunkt sollten dann auch die Befehle für die Grenztruppen, das Ministerium für Staatsicherheit und die Volkspolizei vorbereitet sein. „Das Ganze sollte wohlgeordnet und geplant laufen, die Leute sollten ihre Reisedokumente beantragen und Westgeld in der Tasche haben“, so Brinkmann.

Doch dann kam alles anders.

Um etwa 17.30 Uhr machte sich Günter Schabowksi, neuer Pressesprecher des Politbüros, auf den Weg zur Pressekonferenz. Vorher hatte ihm Egon Krenz noch die Vorlage zur Reiseerleichterung und die entsprechende Pressemitteilung zugesteckt. Brinkmann ist sicher, dass Schabowski den Inhalt nicht kannte: „Er war bei der ZK-Sitzung zeitweise nicht anwesend gewesen, er hat nach Angaben des ihn begleitenden Günther Beil während der Fahrt im Auto nicht drauf geschaut und auch nicht während der PK, das konnte ich ja nun mit eigenen Augen sehen“, schildert Brinkmann. Der hatte sich in dem restlos überfüllten Saal rechtzeitig einen Platz in der ersten Reihe gesichert.
Um kurz nach 18 Uhr begann die Pressekonferenz. Schabowski informierte die anwesenden Journalisten in umständlichen, langatmigen Formulierungen über ein geplantes SED-Aktionsprogramm und über die Folgen eines neuen Wahlgesetzes. Fast eine Stunde ist vergangen, als der Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, Riccardo Ehrman, eine Frage zu den in Aussicht gestellten Reiseerleichterungen stellte. Plötzlich sind alle im Raum hellwach. Während Schabowski sich minutenlang umständlich über das Reisebedürfnis der Bevölkerung auslässt, sucht er in seinen Unterlagen nach der Vorlage, die Krenz ihm zuvor zugesteckt hatte und verkündet schließlich: „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute (äh) eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht (äh), über Grenzübergangspunkte der DDR (äh) auszureisen.“

Jetzt hakten mehrere Journalisten nach, darunter, so belegt eine Abschrift des Tondokuments, Peter Brinkmann, auf dessen „Ab wann? Sofort?“ einer der legendärsten und folgenschwersten Halbsätze der Geschichte folgte: „Das gilt meiner Meinung nach …sofort…unverzüglich“ (Schabowski). Für Brinkmann gibt es keinen Zweifel, dass Schabowski von der Sperrfrist nichts wusste: „Die Überraschung, die entstand, als er sich verhaspelte, die hat zu dem Chaos geführt.“ Noch einmal fragt Brinkmann nach, will wissen, ob das auch für die Grenzübergänge in Berlin gilt – auch das wird von Schabowski bejaht.

Die Sensation war perfekt.

Zwar herrschte noch Verwirrung darüber, was genau das eben Verkündete bedeutete und trotzdem “war klar, dass hier gerade etwas ganz Unglaubliches passiert war“, fasst Brinkmann zusammen. Schon wenig später hatten AP und dpa ihre ersten Meldungen von der offenen Grenze abgesetzt, das Westfernsehen berichtete und auch die DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera verkündete die Reiseerleichterung – allerdings mit Gültigkeit für den nächsten Tag, wie es die offizielle Pressemitteilung vorsah. Peter Brinkmann berichtete in dieser Nacht nicht. Sein C-Netz-Telefon funktionierte nicht, offizielle Leitungen standen nicht zur Verfügung, „und rüber in den Westen wollte ich nicht, ich hatte Angst, dann nicht wieder reinzukommen.

Stattdessen organisierte er sich ein Taxi, gab dem Fahrer 50 Westmark und ließ sich die ganze Nacht hin- und herfahren, immer zwischen Heinrich-Heine-Straße, Checkpoint Charlie und Bornholmer Strasse hin und her. „Ich wusste die ganze Nacht nicht, ob ich hier am richtigen Platz bin, oder ob ich woanders hin soll.“ Zunächst blieb auch alles weitgehend ruhig, vereinzelt kamen Menschen zu Fuß oder mit dem Auto an die Grenzübergänge. In Brinkmanns Erinnerung kam der große Ansturm erst gegen 22 Uhr, „nachdem das Westfernsehen von offenen Grenzen berichtet hatte“. Jetzt gab es kein Halten mehr, zu hunderttausenden stürmten die Ostberliner die Übergänge. Zunächst eine brenzlige Situation, „vorne waren die Schotten dicht und hinten drückten immer mehr nach.“ Die Grenzer an der Bornholmer Straße gaben schließlich als erste dem Druck der Menschen nach und öffneten ohne ausdrückliche Erlaubnis von oben die Tore.

Die Mauer war gefallen.

Irgendwann in dieser Nacht war Peter Brinkmann auch am Brandenburger Tor, als Menschen von beiden Seiten die Hindernisse überwanden. „Ich bin über Stahlgitter gelaufen, habe mir die Hand aufgerissen, um mich herum Chaos – und dann stand ich da und heulte wie ein Schlosshund.“ Noch heute geht ihm die Erinnerung an die Nacht, als die Mauer fiel, nah.

Für Brinkmann, überzeugter Gegner des DDR-Staates, hatte sich an diesem Abend ein Traum erfüllt. Dass es so schnell ging, war in seinen Augen glücklicher Zufall: Hätte Schabowski die Vorlage gekannt, hätte er folgerichtig verkündet, dass die Reiseerleichterung am nächsten Morgen in Kraft tritt. Und in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wäre wahrscheinlich nicht viel passiert, meint Brinkmann. „Dann wären die Leute am nächsten Tag zur Volkspolizei, hätten einen Pass beantragt und wären Wochen später geordnet an Weihnachten zur Oma in den Westen gefahren.“

Noch ein knappes Jahr lang blieb Brinkmann nach dem Mauerfall als DDR-Korrespondent in Ost-Berlin, verfolgte die Entwicklungen bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober – und war damit seine Aufgabe los. Der Westen der Stadt hat ihn nie so sehr gereizt, auch später nicht, als er 1997 wieder zurück nach Berlin kam und seitdem hier lebt. „Aber immer nur im Osten, hier ist doch am meisten los.“

Claudia Holder