#13/25 Da ist Gras drüber gewachsen…

Wachturm Hohen Neuendorf (c) Martin Gentischer

Der dichte Wald von Berlin-Frohnau endet abrupt. Ein schnurgerader Fahrradweg zieht sich durch eine Lichtung. Es ist der Berliner Mauerweg, dessen Anlegung Senatsvertreter just an dieser Stelle am 41. Jahrestag des Mauerbaus, am 13. August 2002, verkündeten. Wir befinden uns vor dem „Naturschutzturm“ von Hohen Neuendorf, einem 8,50 Meter hohen weißen Turm mit quadratischem Grundriss. „Deutsche Waldjugend“ ist auf einem mit grüner Farbe aufgemalten Symbol zu lesen. Die heutige Gestaltung verschleiert ein wenig den Ursprung des Turms, sodass sich dem Betrachter nicht sofort erschließt, dass es sich um einen ehemaligen Wachturm der DDR-Grenztruppen handelt.

Mauerweg Hohen Neuendorf (c) visitBerlin

Mauerweg in Hohen Neuendorf (c) Martin Gentischer

Ein „grünes Klassenzimmer“ im einstigen Ödland

„Man muss den Schülern erst mal erklären, was das hier einmal war“, sagt Marian Przybilla, Lehrer für Biologie und Latein an einer Schule in Berlin-Schöneberg. Er betreut den Turm und den dort im Juni 1990 gegründeten Verein „Naturschutzturm Berliner Nordrand e.V.“ seit dessen Anfängen. Zusammen mit der aus Hohen Neuendorf stammenden Lehrerin Helga Garduhn, die er kurz nach der Wende an einer Naturlehreinrichtung am Köpenicker Teufelssee zufällig kennengelernt hatte, spann er die Idee, hier einen Lernort für Großstadtkinder zu schaffen. Dass die beiden Lehrer ausgerechnet an diesem Ort, an dem die Grenzanlagen wüstes, sandiges und unfruchtbares Ödland hinterlassen hatten, ein „grünes Klassenzimmer für Biologie zum Anfassen“ entstehen lassen wollten, löste bei vielen Bürgern Verwunderung aus. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass hier jemals wieder ein Grashalm wachsen würde. Aber Helga Garduhn und Marian Przybilla wollten den Gegenbeweis antreten. Die Wunden der Teilung durch ein solches Projekt zu schließen, erschien beiden eine reizvolle Aufgabe. Symbolträchtig sollte hier umgesetzt werden, was Willy Brandt am 10. November 1989 vor dem Brandenburger Tor ausgesprochen hatte: „Nun muss zusammenwachsen, was zusammengehört“.

Wachturm Hohen Neuendorf 1990 (c) Marian Przybilla

Wachturm Hohen Neuendorf 1990 (c) Marian Przybilla

Die schwierige Wandlung vom Grenzturm zum Naturschutzturm

Die Brandenburgerin Helga Garduhn war zu jener Zeit auf der Suche nach einem Ersatz für ihren „Ökokeller“, der nach der Wende an die rechtmäßigen Eigentümer rückübertragen werden musste. Dort hatte sie zu DDR-Zeiten bereits sehr engagiert Jugendnaturschutzarbeit betrieben. Der West-Berliner Marian Przybilla war häufig ganz in der Nähe im Wald von Frohnau mit seinen Schülern unterwegs gewesen und war einer Gründer der Deutschen Waldjugend in Berlin. Auch er hegte den Wunsch, einen dauerhaften biologischen Lernort für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Garduhn schlug vor, dafür den nunmehr leer stehenden Grenzturm zu nutzen, denn dieser bot sich als Gebäude mitten im Wald ideal für eine solche Nutzung an. „Den Turm zu bekommen, stellte sich aber am Ende als schwieriger heraus als gedacht“, erzählt Przybilla. Noch bei den Grenztruppen der DDR stellte man den Antrag für die beabsichtigte Verwendung, der zur Überraschung der beiden in einer Schenkung mündete, die wie folgt beurkundet wurde: „1 Stck. Führungsstelle: Garantieleistungen, Ersatzteillieferungen und Instandsetzungen werden durch den Übergebenden nicht gewährt.“ Nach der Wiedervereinigung war dieser Vertrag jedoch nichtig, der Turm ging in den temporären Besitz der Treuhandgesellschaft über und man musste neu verhandeln. „Am Ende mussten wir in den sauren Apfel beißen und den Turm kaufen – und zwar für deutlich mehr als die eine symbolische Mark“, berichtet der Schöneberger Lehrer mit leicht verbitterter Miene. Dann war eine Baugenehmigung erforderlich: Der Turm war nämlich durch Vandalismus beschädigt worden und musste wieder hergerichtet werden. Die Ressentiments der Bürger hatten sich gleich nach der Wende gegen die Symbole der Teilung gerichtet und entluden sich in Zerstörungswut. Sicher ein Grund dafür, warum von den ehemals 302 Grenzüberwachungstürmen dieses Typs nur noch vier erhalten sind: einer im Schlesischen Busch, einer am Kieler Eck, einer in Niederneuendorf, für dessen Erhalt sich ebenfalls Przybillas Verein eingesetzt hatte, und eben dieser hier in Hohen Neuendorf.

Geschichte und Biologie zum Anfassen

„Die Erinnerung soll wach bleiben“, beschreibt Przybilla den Grund für sein Engagement. So hatte er sich auch dafür eingesetzt, dass die nicht weit von hier entfernte Stelle, an der 1980 die damals gerade 18-jährige Marienetta Jirkowsky bei einem Fluchtversuch erschossen wurde, nicht überbaut wurde. Die persönlichen Schicksale, die sich am Grenzstreifen ereignet haben, machen die Erinnerung lebendig. „Die Schüler kommen ins Grübeln, wenn ich ihnen von diesen jungen Menschen erzähle, die nur deswegen sterben mussten, weil sie anders leben wollten.“ Marian Przybilla hält kurz inne. Währenddessen hört man nur das leise Rascheln, als der Wind durch ein buntes Meer von Gräsern, Blumen, duftender Gewürzpflanzen und Bäumen streicht. „Wir entdecken hier ständig neue Pflanzensorten“, sagt Przybilla. Zu den hier vorkommenden Pflanzen gehört zum Beispiel der „Schmalflügelige Wanzensame“, der sonst in der Gegend nur am ähnlich sandigen und kargen Wannseeufer wächst. Auch der aus Hessen stammende Speierling, ein Baum, dessen Früchte dort gerne zur Gerbstoffanreicherung bei der Apfelweinherstellung verwendet werden, ist hier zu finden. Einige Pflanzen gehen wild auf, andere hat der Verein – vor allem mit der tatkräftigen Unterstützung von Schulklassen – selbst gepflanzt. Es ist ein Wechselspiel des Gebens und Nehmens. 80.000 Kiefern, Eichen und Linden, von denen ein Großteil als Spende von einer Baumschule kam, haben hier eine neue Heimat gefunden. Und so gibt es mittlerweile genügend Holz, um ein wenig davon als Brennholz am Lagerfeuer zu verarbeiten – ein besonderes Schauspiel für die Berliner Stadtkinder. Anschaulich lernen sie so etwas über Nachhaltigkeit den ewigen Kreislauf der Natur. „Aber der Höhepunkt ist, wenn plötzlich eine Eidechse oder eine Ringelnatter auftaucht und ich sie dann auch noch fange – dann steigt mein Ansehen bei den Schülern!“, berichtet Przybilla.

Üppige Naturidylle im früheren Todesstreifen

Einst Ödland, heute Naturidylle. Hohen Neuendorf ist nicht der einzige Ort, an dem der rund 160 km lange Todesstreifen in und um Berlin diese Wandlung erfahren hat. Wenn man dem Mauerradweg folgt, entdeckt man viele solcher Kleinode. Das bekannteste Beispiel ist der Mauerpark. Wo einst die Selbstschussanlagen standen, wuchern heute rund um Berlins beliebteste Freiluft-Karaoke-Bühne Holunderbäume und lila Heidekraut. Wo früher Fahrzeugsperren den Weg verstellten, wird heute auf der Wiese gegrillt und musiziert. Der sonntägliche Flohmarkt sorgt für einen zusätzlichen Farbfleck. Einzig die gegenwärtig als legale Graffiti-Wand dienende Hinterlandmauer und der Kolonnenweg zeugen von der Vergangenheit des Ortes. Wie auch in Hohen Neuendorf wurde der als Patrouillenweg für Militärfahrzeuge entstandene Kolonnenweg zu einem Fuß- und Radweg umgewidmet. Über ihn gelangt man nach wenigen Minuten zu Fuß oder mit dem Rad zu einem weiteren Ort an der früheren innerdeutschen Grenze, der für ein schönes Naturschauspiel bekannt ist: die Kirschbaumblüte entlang des Kolonnenwegs nahe der S-Bahnhaltestelle Bornholmer Straße, nur einen Steinwurf von der Bösebrücke entfernt. Es ist der Ort, an dem die Volkspolizisten am 9. November 1989 um 23.30 Uhr dem Drängen des Volkes nachgaben und erstmals den eisernen Vorhang in Berlin öffneten.

Kirschblüte bei der Bösebrücke (c) visitBerlin

Kirschblüte bei der Bösebrücke (c) Martin Gentischer

Die Kirschbäume sind eine Spende, die japanische Bürger den Berlinern als Zeichen für Freiheit und Frieden übergaben. Aber nicht nur dort fanden die japanischen Zierkirschen eine neue Heimat, sondern auch an anderen Stellen in und um Berlin. Einige davon sind in südlicher Richtung zwischen Kreuzberg und Alt-Treptow entlang der Lohmühlenstraße, in der Nähe des Parks am Schlesischen Busch zu sehen. Den weitaus größten Teil dieser Baumspende findet man jedoch – wie der Name schon sagt – an der ebenfalls am Mauerweg liegenden Kirschbaumallee zwischen Lichterfelde und Teltow, auf der im Frühling 1.200 Bäume ihre Blütenpracht zeigen.

Der Fall der Mauer ließ neue Parks entstehen

Der Park am Schlesischen Busch, im Sommer wegen der Nähe zur Kreuzberger Kneipenszene ein beliebter Treffpunkt bei jungen Leuten, ist neben dem bereits genannten Mauerpark einer der vielen großen und kleinen Parks, die durch die Auflösung der Grenze entstanden. Nur ein Wachturm des Typs BT 9, baugleich mit jenem in Hohen Neuendorf, verrät, dass auch hier bis 1989 nicht nur grüne Naturidylle herrschte. Die beliebte Liegewiese am Spreeufer entlang der East Side Gallery ist ein weiteres prominentes Beispiel für einen neu geschaffenen grünen Erholungsraum. Im Südosten Berlins, entlang der A113 Richtung Schönefeld, entstand entlang des ehemaligen Mauerstreifens mit dem 64 Hektar großen Landschaftspark Rudow-Altglienicke sogar der größte Park, der seit den achtziger Jahren in Berlin angelegt wurde. Eine kuriose Sehenswürdigkeit sind dort die langsam in Deutschland wieder heimisch werdenden Wasserbüffel, die nun die ökologisch wertvollen Feuchtwiesen beweiden.

An der Havel wächst zusammen, was zusammengehört

An der Havel zwischen Berlin und Potsdam ist wiederum ein schönes Beispiel für die Verwirklichung des Postulats von Willy Brandt zu sehen. Es handelt um die ab dem 18. Jahrhundert entstandene einzigartige Parklandschaft, die nach der Wende wiedervereinigt werden konnte. Zu Zeiten der Mauer war das auf Berliner Gemarkung stehende Jagdschloss Glienicke mit dem daran anschließenden englischen Landschaftsgarten von der historischen Verbindung zum Park Babelsberg getrennt, die in Sichtweite stehende Sacrower Heilandskirche war militärisches Sperrgebiet. Schon im Dezember 1990 wurde diese Landschaft als Einheit in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen, was gewissermaßen ein Auftrag zur Wiederherstellung des Ensembles war. Wie diese stellenweise bis zur Unkenntlichkeit zerstörte Parklandschaften nach der Wende wieder zusammenwachsen konnten, dokumentiert momentan die Open-Air-Ausstellung „Garten – Grenze – Garten“ der Staatlichen Preußischen Schlösser und Gärten. Ganz in der Nähe davon befanden sich die West-Berliner Exklave Steinstücken sowie die DDR-Enklave Klein-Glienicke, auch dort hatten die Grenzanlagen tiefe Wunden in der grünen Landschaft hinterlassen. Wie durch ein Wunder ist davon heute nichts mehr zu sehen.

Die letzten Wunden sind bald geschlossen

Marian Przybilla vor dem Naturschutzturm (c) visitBerlin

Marian Przybilla vor dem Naturschutzturm (c) Martin Gentischer

Die Natur erobert sich also die Schneisen, die die Mauer hinterließ, langsam, aber sicher, zurück – mit oder ohne menschliche Hilfe. Manche Wunden sind längst verheilt und verraten den einstigen Schrecken der Orte nur noch den Lesern der Informationstafeln, die zur Erinnerung überall entlang des ehemaligen Mauerverlaufs aufgestellt sind. Andere Wunden brauchen noch Zeit, um vollständig zu verheilen, so auch jene in Hohen Neuendorf, wo der Eingriff in die Natur besonders brutal war. Sogar ein Moor, das Herthamoor, war von den Grenztruppen trockengelegt worden. Dieses wird momentan von Helfern des Vereins renaturiert – eines der letzten großen Projekte zur Wiederherstellung des Naturraumes am Berliner Nordrand. Wann denn die Natur den Mauerstreifen wieder zurückerobert haben werde, frage ich Marian Przybilla. „Die Natur hat schon längst gewonnen“, antwortet er. Schon seit einiger Zeit hat man aufgehört, den Wald von Menschenhand aufzuforsten, der Wald wächst mittlerweile durch eigene Aussaat weiter. Es kommen lediglich von Zeit zu Zeit ein paar „Hochzeitsbäume“ hinzu: frisch verheiratete Paare können an den noch lichten Stellen „grüne Trauzeugen“ pflanzen und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Wald noch schneller wieder zu dem wird, was er einmal war. Bald wird der Baumbestand wieder genauso dicht wie im angrenzenden Waldgelände von Berlin-Frohnau sein. An den einstigen Grenzstreifen werden nur noch die Hinweistafeln entlang des Radwegs – und eben ein turmförmiges Gebäude erinnern.

Martin Gentischer

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