#21/25 „Return to Cool“ in der City West

City West (c) Wolfgang Scholvien

„Was ich an Berlin mag? Nichts bleibt, wie es ist!“ Samia Adouane lehnt am Geländer der Monkey Bar. Vom zehnten Stock des neuen Hotels 25hours, überschaut sie die City West: Bahnhof Zoo, Tiergarten, Gedächtniskirche und Breitscheidplatz. Die Ikonen des Alten Berlin sind in einem Panoramabild versammelt. Die 37-jährige Pariserin kommt jedes Jahr nach Berlin. Vor der West-Berliner Kulisse genieße sie das Gefühl, nur im Hier und Jetzt zu leben. Und warum die Monkey Bar? „Die ist neu und cool“, sagt sie. Und die liege eben nicht im Osten.

Erstaunlich. Wer noch vor wenigen Jahren aus den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn am Bahnhof Zoologischer Garten ausstieg, den empfing die Tristesse einer westdeutschen Stadt, die den Anschluss verloren hat. Über lange Jahre hinweg trafen sich die Kreativen und Coolen weiter im Osten, hinter dem Brandenburger Tor. Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain – das waren die Bezirke, die aus der Unscheinbarkeit aufstiegen und zu höchst populären Wohnviertel wurden. Touristen und Neugierige aus allen Teilen der Welt strömten in den Osten: Hier schien noch alles möglich zu sein.

Doch heute hat sich dieses Bild gewandelt. Ein Viertel Jahrhundert, nachdem die Mauer gefallen ist, kehrt Normalität ein in Berlin – und das bedeutet auch: Der Osten wird ein bisschen bürgerlicher, der alte Westen wird wieder ein bisschen aufregend. Manche sagen, die City West erlebt gerade ihre Renaissance.

Dabei sind Bars wie die Monkey Bar oder Restaurants wie das Neni im 25hours nur ein kleiner Teil dieser Wiedergeburt. Weil auch die Kunst dem Ruf des Geldes folgt, zieht es Galerien, die sich früher im Berliner Osten rund um den Hackeschen Markt niedergelassen haben, heute in den Westen. So ist aus der eher unscheinbaren Potsdamer Straße eine lange Kunstmeile entstanden.

Wer heute durch die City West geht, findet wirkliche Urbanität. In den angrenzenden Straßen bis hin nach Schöneberg, nach Steglitz und Charlottenburg hinein ist das Straßenbild schick und modern geworden.

Unkonventionelle Kreativität

Dieser Trend zeichnete sich schon in den vergangenen Jahren ab. Wer sich aus dem Nachtleben in Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain verabschiedet, weil Kinder kamen und Familien wuchsen, den zog es häufig in die bürgerlichen Westbezirke. Denn hier befinden sich die Schulen, die dem Nachwuchs eine solide klassische Grundausbildung im Zeitalter der Globalisierung versprechen. Auch viele Prominente – Schauspieler, Journalisten, Filmgrößen – leben schon lange in Charlottenburg, Wilmersdorf, Steglitz.

In den vergangenen Jahren haben sich die Gegenden um den Klausener Platz in Charlottenburg, die Motzstraße oder Hähnelstraße in Schöneberg verwandelt: Aus den verschlafenen Gegenden der Nachwende-Ära mit ihren großbürgerlichen Wohnbauten sind begehrte Stadtviertel geworden, in denen neue Cafés aufmachen und kleine Initiativen die Hinterhöfe öffnen und begrünen. Sie leben heute genau das, was einst den Osten der 90er Jahre auszeichnete: unkonventionelle Kreativität.

4.700 Euro pro Quadratmeter

Der neue Aufbruch heute hat Konsequenzen: Ein Bauboom hat den alten Berliner Westen erfasst. Häuser und Eigentumswohnungen schießen aus dem Boden, die Baulücken werden geschlossen und die Dächer in Wohnraum verwandelt. Die Zahl der Wohnungen, die in den zentralen Westbezirken auf den Markt kamen, stieg im vergangenen Jahr um 26 Prozent gegenüber 2012. Wohnraum ist mittlerweile begehrt und teuer. Die Kaufpreise kletterten um mehr als neun Prozent auf durchschnittlich 4.700 Euro pro Quadratmeter in den westlichen Bezirken, fast doppelt soviel wie im Berliner Durchschnitt.

Am sichtbarsten ist der Bauboom in der City West. Rund um den Bahnhof Zoo schießen die Gebäude großstädtisch verdichtet in die Höhe: Mit imposanten 118 Metern ragt das Zoofenster zwischen Hardenberg-, Kant- und Joachimsthaler Straße als höchster Turm empor. Die untersten Etagen belegt das Luxushotel Waldorf Astoria. Ganz bewusst hat sich der Hilton-Konzern für die City West entschieden – und nicht für Berlins neue Mitte zwischen Friedrichstraße und Alexanderplatz: Mehr als 200 Zimmer und Suiten sollen beweisen, dass die Gäste aus aller Welt wieder mitten ins Herz des Berliner Westens wollen. Oben im 31. Stock, hoch über dem Trubel der Stadt, befindet sich im Übrigen die höchstgelegene Präsidenten-Suite Berlins.

Direkt gegenüber wächst ein weiteres Hochhaus in den Himmel: Das 118 Meter hohe Upper West schafft mit dem Walldorf Astoria einen neuen, urbanen Zugang zum Breitscheidplatz. Auch hier ist eine Hotelgruppe Hauptnutzer: Motel One richtet in den unteren 18 Etagen das europaweit größte Haus der Gruppe ein.

Neue Konzepte und alte Erfolge

„Ein modernes Zentrum der kurzen Wege“ und ein innerstädtischer Wachstumskern mit hoher Innovationskraft – so beschrieben vor einigen Jahren die Berliner Stadtplaner ihre Vision der City West für das Jahr 2030. Tatsächlich hat sie dieses Ziel schon längst erreicht. Und das liegt vor allem am Handel. „Zur Kultur geht es nach Mitte und zum Shoppen in die City West“, sagt Gottfried Kupsch, Vorstand der einflussreichen AG City e.V. Der Kurfürstendamm hat es zur Weltgeltung gebracht und übt einen Sog aus, der mit den Champs Élysées vergleichbar ist.

Neue Konzepte knüpfen an die alten Erfolge an. Zum Beispiel das Bikini Berlin. Gerade erst eröffnet und ganz anders als die anderen Einkaufszentren in Berlin, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen, egal ob Ost oder West. Schon allein der Name: Den hat das Gebäude von seiner Optik. Ein Geschoss oben, ein Geschoss unten, dazwischen ein luftiges Zwischengeschoss – das soll Berliner an einen Bikini erinnert haben. Früher Einkaufspassage, dann Kunsthalle – heute verbirgt sich hinter dem plakativen Name eine so genannte Concept Mall, die „innovative Shopkonzepte und junge Designer“ zusammenführt.

Luxus – Tempo und Jugend

Auch wer Luxus sucht, der muss in die City West – gestern genauso wie heute. Zwar gibt es einzelne Edelboutiquen in Berlins östlicher Mitte. Doch die großen Hersteller bleiben ihren Kunden in den kaufstarken Straßen rund um den Ku’damm treu.

Neu aber ist: Apple, Nike, Zara … wer die jungen kaufkräftigen Kunden aus Berlin und der ganzen Welt ansprechen will, der geht ebenfalls in die City West. Jüngste spektakuläre Eröffnung ist der Flagship-Store der japanischen Fast-Fashion-Marke Uniqlo. Als der nach Berlin kam, siedelte er sich nicht im hippen Osten Berlins an, sondern in der ehemaligen Niketown auf dem Tauentzien. Auf der traditionellen Einkaufsmeile der Berliner sind die Mieten zwar die höchsten in Berlin. Doch die Mode ist schnelllebiger und jünger – so wie mittlerweile ihre Kunden.

Axel Novak