7.10.1989: Das letzte Jubiläum

Berliner Mauer c visitberlin Foto: Koch

Am Vorabend der Jubel-Kundgebung zum 40. Jahrestag der DDR spazieren Honecker und Mielke über den Berliner Marx-Engels-Platz. „Ob wir den morgen voll bekommen?“, fragt Honecker. Antwortet Mielke: „Mit Sicherheit.“

Dieser Witz bringt die Situation der DDR-Führung vor dem Republikjubiläum am 7. Oktober 1989 auf den Punkt: Das System zeigt an allen Ecken und Enden Verfallserscheinungen, trotzdem wird gefeiert. Die Militärparade ist bestellt, die internationalen Gäste von Gorbatschow bis Arafat sind eingeladen. Nur die Bürger der DDR spielen nicht mit – seit Wochen dauern die Proteste an, tausende Ausreisewillige sind bereits mit Sonderzügen von Prag und Warschau aus in den Westen geflohen.

Die Deutsche Demokratische Republik wird auch weitere 40 Jahre und noch darüber hinaus bestehen“, hat Honecker vier Tage zuvor in seinem typisch nuschelnden Tonfall erklärt. Und jetzt das: Kaum ist Ehrengast Gorbatschow in Berlin gelandet, sagt er zu den wartenden Journalisten seinen Satz „Gefahren lauern nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“ Nur Stunden später formuliert sein Sprecher Gerassimow den Ausspruch in einer Pressekonferenz zum Zitat für die Geschichtsbücher um: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Was Honecker und seine Gäste nicht wissen: Sie erleben an diesem 7. Oktober auf der Tribüne mit dem ikonischen roten „40 Jahre DDR“-Banner im Hintergrund den finalen Militäraufmarsch des realexistierenden Sozialismus auf deutschem Boden. „Die Paradetruppen aller Waffengattungen sind angetreten zwischen Straußberger Platz und Alexanderplatz“, kommentiert Reporter Bert Sprafke fürs DDR-Fernsehen. Generaloberst Horst Stechbarth und Armeegeneral Heinz Kessler fahren in antik anmutenden Straßenkreuzern aufeinander zu, unzählige Soldaten stehen stramm. Sprafke berichtet den TV-Zuschauern vom großen Interesse der Bürger an den Feierlichkeiten „auch in den angrenzenden Straßen“. Was er verschweigt: Seit 17:00 Uhr protestieren Jugendliche auf dem Alexanderplatz mit „Gorbi, Gorbi!”-Rufen. Der russische Reformer wird als Befreier gefeiert.

Im Palast der Republik erlebt Klaus Taubert, Chefreporter der DDR-Nachrichtenagentur ADN, abends dann einen Staatschef, der mit „brüchiger“ Stimme gleich mehrere Seiten der geplanten Jubiläumsrede überspringt und sich auf eine Minimalbegrüßung beschränkt. „War es Resignation, dass Honecker seine Rede ad hoc einkürzte?“ fragte sich Taubert später. „Hatte ihn sein Gesundheitszustand vor den Herausforderungen der Zeit kapitulieren lassen? Oder hatte er gar heimlich einen Blick aus seinem Aufenthaltsraum im Palast auf die Straße geworfen?“ Dort stand Honeckers Volk und rief weiter nach Gorbatschow, während drinnen bei Leichenschmausstimmung „Extra starke Putensuppe“ und „Schaumbrot von Räucherzunge“ serviert bekam. „Es war der blanke Horror, Hitchcock hätte ihn nicht besser inszenieren können“, schreibt Taubert später. „Im Palast aus Stahl und Glas treffen sich die oberen Tausend eines vom Untergang gezeichneten Establishments.“ Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt: Der Kopf dieses Establishments ist schon sehr bald nicht mehr an Bord. Nur zehn Tage später wird der Diktator Erich Honecker von seinen eigenen Leuten gestürzt.