4.9.1989: MONTAG IST UNRUHETAG

Mauer Durchblick (c) Gerhard Buchholz

Wenn Revolutionen glücken und Teil der kollektiven Geschichte werden, wirkt es schnell, als sei ihr Erfolg zwangsläufig gewesen. Dabei geraten Menschen in Vergessenheit, die mutig vorangegangen sind und zu einer Zeit Kopf und Kragen riskiert haben, als die große Mehrheit noch tatenlos zuschaute. Katrin Hattenhauer ist einer dieser Menschen: Ihre erste Montagsdemonstration zählt zu den Schlüsselereignissen, die den Massenprotest der DDR-Bürger erst möglich machten.

Als Hattenhauer sich dazu entschied, gegen das SED-Regime zu kämpfen, wird sie wohl nicht geahnt haben, wie nah das Ende der DDR bereits ist: 1988 schloss sich die damals 20-Jährige dem Arbeitskreis Gerechtigkeit des Theologischen Seminars Leipzig an. Die Gruppierung, die regelmäßig mit einem aus der Bundesrepublik eingeschmuggelten Wachsmatrizen-Vervielfältigungsgerät publizierte und ein internationales Kontaktnetzwerk unterhielt, wird heute zu den wichtigsten Oppositionsbewegungen der DDR gezählt.

Im Januar 1989 verteilt Katrin Hattenhauer Flugblätter und wird zusammen mit anderen Aktivisten festgenommen, sie kommt in Stasi-Untersuchungshaft. Doch davon lässt sich die junge Frau nicht entmutigen. Am Montag, den 4. September initiiert sie gemeinsam mit Gesine Oltmanns eine Demonstration auf dem Leipziger Nikolaikirchhof, fünf Transparente werden entrollt, darunter eins mit der richtungsweisenden Aufschrift „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Stasi-Kommandos reißen die Transparente herunter; weil Medienvertreter aus der Bundesrepublik anwesend sind, wird Hattenhauer erst am Montag darauf verhaftet. Dem Journalisten Daniel Sturm erzählt sie später, was der Stasi-Offizier im Untersuchungsgefängnis am Dimitroffring zu ihr sagte: „Diesmal kommen Sie nicht unter zehn Jahren davon, aber Sie wissen ja, ich stehe auf langhaarige Frauen.“

Während die junge Theologiestudentin in der Untersuchungshaft den Repressalien der Stasi ausgesetzt ist, etabliert sich der Montag als Protesttag. Am 23. Oktober gehen in Leipzig Schätzungen zufolge bereits mehr als 300.000 Menschen auf die Straße. Als Hattenhauer nach rund vier Wochen wieder frei kommt, hat der SED-Staat die Kontrolle über seine Bürger verloren. Die Montagsdemonstrationen haben längst eine Eigendynamik entwickelt und sich im ganzen Land ausgebreitet. Wenig später wird die Wucht dieser Proteste die Berliner Mauer zum Einsturz bringen.