4.11.1989: Keine Fans von Egon Krenz

Alexanderplatz (c) Stiftung Berliner Mauer

Meilenstein oder ein Massaker? Am Morgen des 4. November 1989 wusste niemand, als was die größte nicht staatlich gelenkte Demonstration der DDR auf dem Alexanderplatz in die Geschichtsbücher eingehen würde.

„Ich hatte große Angst“, bekannte der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer später im Gespräch mit der ARD. „Zum einen, weil ich nicht wusste, wie viele Menschen kommen würden. Zum anderen, weil ich befürchtete, dass die Stasi-Leute Gewalt provozieren würden.“ Das Horrorszenario in den Hinterköpfen: die gewaltsame Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China einige Monate zuvor. Völlig unbegründet war diese Sorge nicht: Tatsächlich hielten sich am 4. November vierzehn Hundertschaften NVA-Soldaten im Hintergrund in Bereitschaft.

Doch dann kam alles ganz anders. „Die Demo wurde zu einem politischen Volksfest“, erinnert sich Schorlemmer. Auf den Transparenten standen Sprüche wie Rücktritt ist Fortschritt, Blumen statt Krenze oder Wir sind keine Fans von Egon Krenz. Statt Schlägereien gab es Witze und gute Laune. „Der ganze DDRStaatsapparat wurde plattgemacht, ausgepfiffen, lächerlich gemacht“, sagte der Journalist Siegbert Schefke später der ARD. „Mutig und frech geht es auf Plakaten gegen Partei und Politiker: Glasnost statt Süßmost.“ Auch wenn die Schätzungen über die Teilnehmerzahl im Nachhinein weit auseinandergingen, waren wohl rund 500.000 Menschen dabei – größer und freier hatte man in der DDR nie zuvor protestiert. Zusätzliches Glück für die Breitenwirkung: die Veranstaltung wurde unangekündigt live im DDR-Fernsehen übertragen.

Weil die Initiative zu der Demonstration von Schauspielern und Mitarbeitern an Ost-Berliner Theatern ausgegangen war, traten neben Politikern und Schriftstellern auch mehrere Schauspieler ans Mikrofon. Der heutige Tatort-Star Jan-Josef Liefers sprach sich dagegen aus, dass Parteifunktionäre die Proteste zur Selbstdarstellung nutzen. Nicht ohne Grund – zu den Rednern gehörten neben Gregor Gysi, Lothar Bisky, Stefan Heym, Christa Wolf, Heiner Müller oder Marianne Birthler auch frühere Parteigrößen wie Günter Schabowski und Ex- Stasi-Generaloberst Markus Wolf – beide wurden gnadenlos ausgepfiffen. Ihre Selbstdarstellung als Reformer misslang.

Um eine mögliche deutsche Einheit ging es auf dem Alexanderplatz allerdings nicht. „Wir wollten ein anderes Land aufbauen“, so Schorlemmer im ARD Interview. „Wir wollten eine grundlegende Veränderung der DDR.“ Doch während der Theologe noch vom demokratischen Sozialismus träumte, überholte ihn und seine Mitstreiter die Geschichte – nur fünf Tage später fällt die Mauer und die Idee der Deutschen Einheit ist nicht mehr aufzuhalten. Dass der 4. November trotzdem in die Geschichtsbücher eingehen wird, war den Demonstrationsteilnehmern schon während ihres Protests klar: Ein großer Teil der Transparente wurde nach Ende der Veranstaltung eingesammelt. 1994 übergab man sie dem Deutschen Historischen Museum Berlin.