29.10.1989: EIN VERRÄTER WIRD ZUM HOFFNUNGSTRÄGER

Mauersteine c Gedenkstätte Berliner Mauer

Als Wolfgang Schnur am 29. Oktober 1989 in Ost-Berlin die Partei Demokratischer Aufbruch (DA) mitbegründet und zum Vorsitzenden gewählt wird, ist sein ganz großer Erfolg zum Greifen nah: Der ostdeutsche Staat zerfällt, alle Zeichen stehen auf Veränderung. Der erfahrene Anwalt Schnur ist sicher, der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR zu werden. Kurz darauf wird er als langjähriger Stasi-Mitarbeiter enttarnt – und alles ist vorbei.

„Eine ungeheure Enttäuschung“ nennt der bekannte Bürgerrechtler Rainer Eppelmann den Fall im Rückblick. Eppelmann, auf den zeitweise 43 Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit angesetzt waren, und der zweimal beinahe vom Geheimdienst ermordet worden wäre, hatte seinem Freund Schnur jahrelang vertraut und offen mit ihm über politisch brisante Themen geredet. Im Nachhinein ist klar: Sämtliche dieser Vertraulichkeiten wanderten direkt an die Stasi-Behörde. Als Schnur dann zum DA-Vorsitzenden gewählt wird, werden Stasi-Gerüchte laut. Der Anwalt, der Geld und schnelle Autos liebt, und der außerdem eine in der DDR seltenen Einzelanwalts-Lizenzen besaß, ist vielen suspekt. „Dann hab ich ihn daraufhin angesprochen und da hat er das weit von sich gewiesen“, sagte Eppelmann später im Interview. „Und da hab ich ihm natürlich geglaubt.“

Durch die gezielte Offenlegung von Schnurs Akte erfährt dann zuerst das Büro Helmut Kohls von der Vergangenheit des DA-Vorsitzenden und informiert die Parteispitze des Demokratischen Aufbruchs um Eppelmann – wenige Tage vor den ersten freien Volkskammerwahlen. Wahlkampfslogan der DA ist seinerzeit der Satz: Wir sind die Sauberen. Dass ausgerechnet der Vorsitzende dieser politischen Hoffnungsträger ein führender Stasi-Spitzel sein soll, ist für die Partei der Supergau. „Uns war also klar: das haut uns so was von rein“, resümiert Eppelmann rückblickend. Damals musste er den Journalisten Rede und Antwort stehen – gemeinsam mit seiner Pressesprecherin Angela Merkel.

Dann geht alles ganz schnell: Schnur wird in Abwesenheit aus dem Parteivorstand geworfen, Eppelmann sein Nachfolger. Die DA erreicht bei der Wahl magere 0,9 Prozent der Stimmen. Schnur landet mit Kreislaufkollaps im Krankenhaus. Als Eppelmann ihn dort besucht, teilt Schnur dem früheren Freund mit, dass er seine Geschichte an den STERN verkauft habe, schließlich müsse er nach dem Aus seiner politischen Karriere irgendwie an Geld kommen. Eppelmann wird nach der Wende Mitglied des Deutschen Bundestages. Schnur verurteilt man zu einer Bewährungsstrafe, weil er Mandanten an die Stasi verraten hat. Als die beiden sich Mitte der Neunziger Jahre anlässlich eines Gerichtstermins noch einmal treffen, streckt Schnur seinem früheren Freund die Hand entgegen. Eppelmann erinnert sich an seine eigene Reaktion: „Wolfang, bevor ich dir die Hand gebe, musst du mir ne Menge erklären. Hat er auch seitdem nicht probiert.“