17.10.1989: HONECKERS BEFREIUNG

Meilensteine 1989 (c) Gerhard Buchholz

Als Erich Honecker am 17. Oktober 1989 gut gelaunt den Sitzungssaal des SED-Politbüros betritt, läuft er den Verschwörern geradewegs ins offene Messer – seine politische Karriere ist bereits beendet und der Einzige, der nichts davon weiß, ist Honecker selbst.
„Erich, es geht nicht mehr“, sagt der Vorsitzende des Ministerrates, Willi Stoph. „Du musst gehen.“ Sämtliche Mitglieder des Politbüros schließen sich Stophs Antrag an. Honecker, der 18 Jahre lang der mächtigste Mann der DDR war, der von Millionen Bürgern gefürchtet und gehasst wurde, ist innerhalb weniger Minuten eiskalt entmachtet. Weil selbst im Untergang noch alles seine sozialistische Ordnung haben muss, stimmt er der eigenen Absetzung zu. Entscheidungen des Politbüros haben schließlich einstimmig zu sein.

Diese Episode des Untergangs der DDR ist bekannt, aber eine Frage wurde selten gestellt: Was empfand der Machtmensch Honecker im Moment seiner größten Niederlage? Wolfgang Herzberg und Reinhold Andert („Der Sturz“) sprachen kurz nach der Wende mit dem früheren SED-Generalsekretär über den 17. Oktober 1989. Die Antworten, die sie dabei bekamen, geben allerdings mehr Aufschluss über das Selbstbild, das Honecker der Nachwelt von sich hinterlassen wollte, als über wahrhaftige Emotionen: „Ich war selbstverständlich sehr überrascht von diesem Antrag Willi Stophs, habe mich aber, wie so oft in meinem Leben, sehr rasch gefaßt“, lautet die knappe Replik. Von Wut, Schock oder gar Hilflosigkeit ist keine Rede. Stattdessen liefert der frühere Staatschef den Journalisten nur nüchterne Beschreibungen der Abläufe: „Daraufhin habe ich meine Meinung gesagt zu unserer Arbeit, den Aufgaben […] und daß ich einverstanden bin.“

Auf die Nachfrage, wie Honecker im Anschluss an diese Sitzung denn zumute war, kommt ebenfalls nur bürokratische Sachlichkeit: „Nun, ich ging zurück in mein Arbeitszimmer, habe die erforderlichen Aufräumungsarbeiten durchgeführt […] Das heißt, ich war vollkommen gefaßt, als die Entscheidung gefallen war.“
Kein kleinstes Zeichen von Schwäche also. Im Gegenteil: Auf erneute Nachfrage spricht Honecker dann von einer „bestimmten Befreiung“, weil er aufgrund seiner Erkrankung ohnehin nicht mehr die nötige Kraft für das Amt gehabt habe. Margot Honecker bestätigt den Journalisten: „Aber er hat wirklich an diesem Abend zu mir gesagt: Weißt du, ich bin regelrecht erleichtert, ich könnte es nicht mehr.“

Dass Honecker im Interview versuchte, seine größte Niederlage noch in eine „Befreiung“ umzumünzen, sagt einiges über den Mann aus, der bis zu seinem Tod keine „juristische oder moralische“ Schuld in seinem Handeln als Staatschef erkannte. Lange währte die „Befreiung“ Honeckers allerdings nicht – er kam schon bald darauf in Untersuchungshaft.