#14/25 UL 12.41: Honeckers Mauer-Marketing

UL 12.41 an der East Side Gallery (c) visitBerlin, Foto: Tanja Koch

In aller Welt ist es bekannt, beinahe jeder Berlin-Besucher hat es schon fotografiert, aber kaum einer kennt seinen Namen und seine Geschichte: Die Rede ist vom „Stützwandelement UL 12.41“. Es wurde zum Sinnbild der Berliner Mauer, obwohl es erst ab 1975 entstand, manche Teile davon sogar erst kurz vor dem Mauerfall.

13. August 1961: Am Anfang war nur Stacheldraht

Wäre die Geschichte von UL 12.41 nach Plan verlaufen, würde heute wohl kaum jemand Notiz davon nehmen. Man würde höchstens in archivierten Dokumenten der DDR-Planwirtschaft von dessen Existenz erfahren, schließlich wurde es nicht für die Grenzbefestigung, sondern vor allem für die Landwirtschaft geplant. Doch das Schicksal dieses Betonteils änderte sich mit einem Ereignis, das sich am 13. August zum 53. Mal jährt: An jenem Tag im Jahr 1961 rollten NVA-Soldaten, abgesichert durch Angehörige der Roten Armee, Stacheldraht entlang der sowjetischen Sektorengrenze Berlins aus. Das Datum gilt als Zeitpunkt der Entstehung der Berliner Mauer, obwohl es zunächst gar keine Mauer gab. Diese wurde erst in den folgenden Tagen nach und nach um West-Berlin herum errichtet. Sie sah jedoch keineswegs so aus, wie es der Vorstellung der meisten Menschen entspricht, wenn sie von der Berliner Mauer sprechen. Es war ein zusammengeflicktes Gebilde aus Hohlblocksteinen, das an der Oberkante mit einem Y-förmigen Stacheldrahtaufsatz versehen wurde.

Die ersten Generationen der Berliner Mauer waren hässlich

Ab 1965 wurde diese Mauer der ersten Generation durch eine Mauer mit aneinandergefügten Betonplatten ersetzt, die in sogenannte H-Profile eingefügt wurden. Diese zweite Generation der Mauer gab der Außengrenze der DDR zwar ein einheitlicheres Bild, sie hatte aber mit ihrem Vorgänger folgende Dinge gemeinsam: Sie war relativ leicht zu beschädigen, konnte mit geringem Aufwand überwunden oder untergraben werden, war wartungsintensiv und außerdem kein Meisterwerk der Ästhetik. Meldungen von Flüchtenden und Mauertoten, die mit regelmäßiger Häufigkeit in den Westen drangen, trübten das Bild des menschenfreundlichen sozialistischen Musterstaats, das die DDR in ihrer Außendarstellung bemühte. Die Mauer wurde also sowohl durch ihre Funktion als auch durch ihr Erscheinungsbild zu einem handfesten Imageproblem für den jungen Arbeiter- und Bauernstaat.

Gesucht: Eine schöne Mauer für den Westen

Auf persönliches Betreiben Erich Honeckers suchte die Staatsführung der DDR Anfang der siebziger Jahre nach einem Weg, um die „Akzeptanz der Staatsgrenze der DDR“ zu erhöhen. Als „Mauer-Marketing unter Erich Honecker“ wurde das Projekt in einer Dissertation bezeichnet, die sich mit diesem Thema befasste. Konkret bedeutete dies, dass die Grenzanlagen nach innen möglichst fluchtsicher und zum Westen hin möglichst ästhetisch gestaltet werden sollten. Neben ausgefeilteren Fluchtverhinderungsmethoden im Grenzstreifen selbst wurde nach einem neuen Mauertyp gesucht, der eine geringe Wartung aufwies, weder überklettert noch mit Kraftfahrzeugen durchbrochen werden konnte und eben für die Außenwirkung ein „ordentliches“ Erscheinungsbild abgab. Aus Kostengründen sollte auf ein Produkt zurückgegriffen werden, das in der DDR bereits hergestellt wurde und nicht erst neu entwickelt werden musste. Verschiedene Fertigbetonteile wurden ausprobiert und auf einem Truppenübungsplatz unterschiedlichsten Härtetests unterzogen.

Malchiner Beton für Berlin

Als „Sieger“ aus diesem Auswahlprozess ging schließlich das Stützwandelement UL 12.41 hervor, das allen Anforderungen zu genügen schien. Dieses Betonelement, das der dritten und letzten Generation der Berliner Mauer ihr Gesicht gab, war eigentlich für Gärfuttersilos und für den Bau von großen Traglufthallen entwickelt worden. Ein einzelnes Teil wog 2,75 Tonnen und hatte eine sehr hohe Betondichte (B 300), damit verfügte es über eine hohe Stabilität. Die Höhe von 3,60 m und die glatte Oberfläche sowie das aufgeflanschte Rohr aus Asbestbeton machten ein Überklettern praktisch unmöglich. Aufgrund des 2,10 m tiefen Standfußes war keine Fundamentierung notwendig und durch die geringe Breite von 1,20 m konnten die Teile einfach und flexibel mit einem Kranwagen eingesetzt werden. Variationen derselben Baureihe waren das rechtwinklige Element UL 12.42 sowie das T-förmige QT 1.1. Herstellungsort war das zum Baustoffkombinat Neubrandenburg gehörende Betonwerk im 200 km nördlich von Berlin gelegenen Malchin. Ab 1975 (deshalb im Volksmund „75er-Mauer“ genannt) wurden dort jährlich bis zu 4000 Mauersegmente gefertigt. Den Mitarbeitern des Betonwerks wurde freilich nicht mitgeteilt, wofür sie ihre Arbeitskraft einsetzten – das sprach sich erst im Laufe der Zeit herum.

Die Mauer wird zur Leinwand

Aus Sicht der DDR-Parteiführung war diese Ausbaumaßnahme der DDR-Außengrenze erfolgreich: Die Zahl von Fluchten, Mauertoten und Untergrabungen wurde zunächst deutlich reduziert. In diesem Sinne sorgte die neue Grenze für weniger Aufsehen. Jedoch hatten die zuständigen SED-Funktionäre einen ungewollten Nebeneffekt nicht bedacht, der der Berliner Mauer ungeahnte Aufmerksamkeit bescherte: Durch die hohe Betondichte eignete sich die neue Mauer hervorragend zur Bemalung, mit dem häufig weiß ausgeführten Anstrich stellte sie sich wie eine weiße Leinwand dar. Die West-Berliner Street-Art-Szene hatte plötzlich einen neuen künstlerischen Freiraum. Da die Mauer auf dem Hoheitsgebiet der DDR stand, konnte man als Sprayer in der BRD auch nicht belangt werden. Zwar gab es in der Anfangszeit vereinzelt vorübergehende Festnahmen von Mauerkünstlern durch DDR-Polizisten, und immer wieder versuchten DDR-Grenzer, die über kleine Durchgänge auf die andere Seite gelangten, durch Übertünchung den „Verunstaltungen“ Herr zu werden. Da die Versuche, die „farbliche Umgestaltung“ der Betonwände auf der Westseite einzudämmen, kläglich scheiterten, wurde sie im Laufe der Zeit von der DDR stillschweigend hingenommen. So zog die Mauer Künstler aus aller Welt an, auch international bekannte Maler wie der Franzose Thierry Noir und der US-Amerikaner Keith Haring schufen dort Werke, deren Bilder um die Welt gingen. Diese künstlerische Betätigung trug wesentlich zur „Popularität“ des Stützwandelements UL 12.41 bei. Der neue Mauertypus entwickelte sich schnell zu einer beliebten Touristenattraktion in West-Berlin. Und auch wenn heute ein Tourist in Berlin nach Resten der Berliner Mauer fragt, dann meint er eben – ohne es zu wissen – explizit das Modell UL 12.41. Dabei bestanden zum Zeitpunkt des Falls der Berliner Mauer gerade mal rund 42 km der insgesamt 156,4 km langen Grenzlinie, die West-Berlin umschloss, aus Elementen der „75er-Mauer“. Der weitaus größere Teil war noch aus dem relativ unbekannten Vorgängermodell sowie aus Steckmetallzaun zusammengesetzt.

„Reisefreiheit“ für UL 12.41

Die von Erich Honecker beauftragte Mauerverschönerungsmaßnahme wurde durch die politische Wende jäh gestoppt. Am 17. November 1989 wurde die letzte Bestellung im Baustoffkombinat Neubrandenburg „aufgrund veränderter militärpolitischer Aufgabenstellung“ von der für die Grenzsicherung zuständigen DDR-Behörde storniert. Das Betonwerk Malchin produzierte immerhin bis ins Jahr 2004 weiter, allerdings nur noch Fertigbetonteile für den Wohnungsbau. Seitdem gerät es langsam in Vergessenheit, der Zahn der Zeit nagt inzwischen an dem Werksgebäude. Währenddessen kam sein bekanntestes Produkt, das Stützwandelement UL 12.41, nach 1989 so wie die Menschen, die es einschloss, in den Genuss von „Reisefreiheit“. Als Museums- und Erinnerungsstück gelangte es in alle Welt, auf Auktionen erzielten von Künstlern bemalte Mauerteile hohe fünfstellige Beträge. Bis heute gehören Mauerbruchstücke mit Echtheitszertifikat zu den beliebtesten Berlin-Souvenirs. Und so wird UL 12.41 sicher noch viele Jahre dafür sorgen, dass sich die Menschen in aller Welt an diese heute so merkwürdig erscheinende, einstige Teilung Berlins erinnern.

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Martin Gentischer